Delphi-Methode

Aus Eval-Wiki: Glossar der Evaluation
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Art der schriftlichen Befragung, ursprünglich postalisch, heute in der Regel online. Ziel ist es, Positionen einer Expertengruppe zusammenzutragen, abzustimmen und verdichtet darzustellen.

Etymologisch auf das Orakel von Delphi bezogen, wobei damit der auch mit der heutigen sozialwissenschaftlichen Methode verbundene Zweck, Ratsuchenden Hinweise für die (erfolgreiche Gestaltung der) Zukunft zu geben, angesprochen ist. Varianten sind das Ideen-Delphi, das Prognose-Delphi, das Experten-Delphi und das Konsens-Delphi.

In einer Evaluation ist die Anwendung der Delphi-Methode z. B. für Bedarfsanalysen, die Festlegung von Bewertungskriterien, die Interpretation von Daten oder die Entwicklung von Empfehlungen möglich.

Das Design der Delphi-Methode besteht aus beliebig vielen, aber mindestens zwei zeitlich aufeinander folgenden Befragungswellen, wobei die Ergebnisse der jeweils vorangegangenen Welle den Mitgliedern der selben Expertengruppe in einer weiteren Befragungswelle rückgemeldet werden. Auf diese nimmt jeder/jede einzelne Teilnehmende präzisierend, kritisierend oder zustimmend Bezug. Auf eine weitere Welle wird verzichtet (Abbruch-Kriterium) wenn es in der Expertengruppe zu einem informierten Konsens gekommen ist. Der informierte Konsens liegt dann vor, wenn inhaltliche Zustimmung aller Beteiligter (oder Mindest-Anzahl/-Anteils) zu textlichen Zusammenfassungen der Meinungen, Vorschläge usw. zu einem bestimmten Sachverhalt vorliegt. Bei Nutzung quantitativer Methoden z. B. Feststellung der Zustimmung mittels Ratingskalen können statistisch zu bestimmende Kriterienpunkte festgelegt werden, ab deren Erreichen Konsens als erreicht gilt. Das Design eines Delphi ist vom Evaluationszweck abhängig und kann sowohl quantitativ als auch qualitativ oder kombiniert gestaltet sein. An einem Delphi-Verfahren nehmen zwei Dutzend bis hunderte Personen teil, welche über (fachliche) Expertise zum Untersuchungsgegenstand verfügen. Der für diese Datenerhebungsmethode benötigte Zeitraum beträgt mehrere Monate bis Jahre, sodass Teilnehmende wegen der zu erwartenden Ausfälle in der Stichprobe überrekrutiert werden müssen.

Ein Vorteil der Delphi-Methode liegt bei Vermeidung sozialer Erwünschtheit durch die Möglichkeit der Anonymisierung. Kritisiert werden Einschränkungen der Repräsentativität und Validität der Ergebnisse sowie eine fehlende Abstützung auf Methodenforschung. Das Arbeiten mit Expertengruppen schränkt die für die Evaluation relevante Außenperspektive ein, repräsentiert z. B. durch die Zielgruppen eines Programms. Die Experimentierende Evaluation hat versucht, diese Kritik aufzulösen, indem sie einige Befragungswellen einer Erhebung auch an Zielgruppen richtete.

Englischer Begriff

delphi technique

Französischer Begriff

technique delphi

Quellen

  • Balzer, Lars (2006): "Wie werden Evaluationsprojekte erfolgreich? Ergebnisse einer Delphistudie". In: Böttcher, Wolfgang/Holtappels, Heinz Günter /Brohm, Michaela (Hg.): Evaluation im Bildungswesen. Eine Einführung in Grundlagen und Praxisbeispiele. Weinheim: Juventa, S. 123-135.
  • Delbecq, Andre L./Van de Ven, Andre/Gustafson, David H.: (1975): Group techniques for program planning: a guide to nominal group and delphi processes. Glenview: Scott Foresman.
  • Häder, Michael (2000): Die Experten-Auswahl bei Delphi-Befragungen. ZUMA How-to-Reihe, Nr.5. http://www.gesis.org/fileadmin/upload/forschung/publikationen/gesis_reihen/howto/how-to5mh.pdf
  • Häder, Michael (2009): Delphi-Befragungen ein Arbeitsbuch. 2. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Müller-Kohlenberg, Hildegard (1998): "Die Delphi-Methode in der Evaluationsforschung. Eine Pilotstudie zur Evaluation aus Sicht der KlientInnen bzw. NutzerInnen ". In: Heiner, Maja (Hg.): Experimentierende Evaluation. Ansätze zur Entwicklung lernender Organisationen. Ansätze zur Entwicklung lernender Organisationen. Freiburg i. Br.: Lambertus, S. 149-166.
  • Tigelaar, Dineke E. H. et. al. (2004): The Development and Validation of a Framework for Teaching Competencies in Higher Education, Higher Education Vol. 48, No. 2, S. 253-268.

Danksagung

Vielen Dank an Fabienne Braukmann für die Erarbeitung dieser Definition!

Stand

27.08.2012